Kapitel 6 – Zugereiste

Melanie Veit, Hiddensee, 4. Februar 2004

Die Spurensicherung war bereits dabei, ihre Sachen zusammenzuräumen. Viel konnten sie hier nicht mehr ausrichten. Zudem kam Wind auf und zerrte an dem Zelt. Es konnte nicht mehr lange dauern, da würden nur noch Fetzen davon übrig sein und der Strand würde bis zu den Dünen überschwemmt.

„Bitte beeilen Sie sich. In ein paar Minuten müssen wir hier fertig sein. Bringen Sie die Sachen so schnell wie möglich in die Kriminaltechnik und informieren Sie mich umgehend über alle neuen Erkenntnisse. Hier haben Sie meine Karte. Falls Sie mich auf dem Handy nicht erreichen, rufen Sie auf der Inseldienststelle an. Wenn ich weiteres Material finden sollte, lasse ich es mit dem Wassertaxi zu ihnen bringen“, trieb sie den Chef der Spurensicherung zur Eile an.

Me and Camera

An Papageorgiu gewandt fuhr sie fort: „Wir müssen uns in der Dienststelle ein wenig einrichten. Wenn ich recht erinnere, gab es da ja immer ein paar ungenutzte Büroräume? Ich möchte zuerst mit den beiden Zeugen sprechen, die den Toten gefunden haben. Der Herr Bade soll schnellstmöglich die Bilder verteilen. Wird ja nicht so schwer sein, herauszufinden, wo der Mann einquartiert war. Dr. Niemann und Bade waren sich sicher, dass er kein Hiddenseer ist. Ich mir übrigens auch, denn die Sachen des Opfers deuten eher nach auswärts. Also brechen wir hier ab, und außerdem brauch ich unbedingt einen Kaffee – schwarz, stark und süß.“
Die drei machten sich in der Dämmerung, mit eingezogenen Köpfen und gegen den immer stärkeren Wind, auf zur Polizeistation ans Norderende von Vitte.

Lighthouse, Windswept-Tree & Me

Die Befragung der beiden Zeugen hatte nichts gebracht. Sie fanden den Toten, wie zuerst angegeben, dreiviertel zwei an dem sonst menschenleeren Strand. Sie wollten dort bei dichtem Schneetreiben und Temperaturen unter null über ihre Ehe sprechen. Bei jedem anderen hätte Melanie bei diesem Spaziergrund – um diese Zeit und diesem Wetter – nachgehakt. Hier sparte sie sich das. Sie glaubte den beiden sofort. Wahrscheinlich bot ihnen der Leichenfund jetzt wichtige und richtige Erfahrungen, die sie ihre Lebenssituation neu bewerten ließ – oder so. Melanie gingen die Zeugen auf die Nerven. Ständig ließen sie in der Befragung ihre persönlichen Probleme einfließen und wollten partout über das Leben reden … Doch, über das Leben reden, gehörte zu den Dingen, die sie noch mehr verabscheute als Joghurt mit Stücken. Und im Moment einmal mehr, denn sie war auf der Jagd und diese beiden waren die Tierschützer auf ihrem Weg. Sie musste dringend an ihrer Objektivität arbeiten.

Bicyclers, Embankmant


Bades Bilderaktion brachte mehr Erfolg. Kurz nach Öffnung des Edeka meldete sich eine Zeugin, die meinte, dass der Tote mit einer Frau in der Pension Hinrichs am südlichen Süderende wohnte. Bade wusste, wo das war. Zusammen machten sie sich auf den Weg. Trotz Autofreiheit auf der Insel, genoss die Polizei das Privileg eines echten Dienstwagens. Also fuhren Papa, Treder und Melanie wieder zurück, diesmal unbehelligt vom mittlerweile waagerechten Schneetreiben. Wenn das so weiterging, würde auch das Auto hier nichts mehr nutzen. Es gab keinen Winterdienst auf Hiddensee, der diesen Namen verdient hätte. Wenn es zu dick kam, stellte die Fähre ihren Dienst ein, die Leute bleiben zu Hause und warteten auf besseres Wetter. Der unvermeidliche Alkohol sorgte für die innere Wärme. Melanie hatte mal gehört, dass der Alkohol unter den Schweden mehr Unheil angerichtet hätte, als bei den Indianern. Das galt wohl für ganz Skandinavien und irgendwie gehörten die deutschen Ostseeinseln ja auch zu Skandinavien. Es gab unter den Polizisten hässliche Witze, dass man ab zwanzig Uhr keinen alteingesessenen Hiddenseer auf einem Rad ins Alk-Röhrchen pusten lassen musste, sondern gleich zur Blutabnahme übergehen konnte. Melanie war sich nicht sicher, ob das Quatsch war. Sie hatte etliche Abende in verräucherten Kneipen in Kloster und Vitte erlebt und so manch Hiddenseer Urgestein von der weniger wortkargen und zurückhaltenden Seite erlebt. Das Bild des edlen Eingeborenen hatte damals deutliche Risse bekommen. Heute wunderte sie sich darüber, dass sie sich damals wunderte. Einfach war das Leben auf der herbschönen Insel nie gewesen. Wahrscheinlich würde sie hier auch mit dem Trinken anfangen. Es gab eine feine Grenze zwischen den Zugereisten und den Alteingesessenen. Die Zugereisten waren entweder VIPs, deren Groupies oder Gast- und Hotelwirte, die sich hier niedergelassen hatten. Zugereist konnte man auch dann noch sein, wenn die Familie schon vor hundert Jahren ankam. Ein veritabler Grund für diese, ebenfalls der Alkoholsitte beizutreten. So vereinte wenigstens der Suff das Inselvolk. Noch mehr regte Melanie auf, dass die Groupies angeblich niemals wegen des Strandes kamen. Sich einfach nur im Kollegenwettstreit grillen zu lassen, war ihnen zu profan. Sie kamen immer wegen Gerhart Hauptmann, Asta Nielsen oder Gret Palucca, als wenn sie bei denen zum Tee eingeladen wären. Seit der Wende wurden die Ost-Groupies durch die Bildungsbürger aus dem Westen aufgestockt, was es nicht besser, sondern im Gegenteil, noch anstrengender machte. Hatte man vor Jahren manches Problem kurz vor der Kneipentür geklärt, spie die Fähre nun fast jeden Monat ein paar Anwälte auf den Kai. Syltisierung nannte man dieses Phänomen.

Chess Mate

„Wir sind da“, riss Papa Melanie aus ihren grimmigen Grübeleien. Sie klingelten draußen an der Tür. „Kommen Sie herein, es ist offen“, hörten sie von innen eine Frauenstimme. Die Pension war größer als erwartet. Sie betraten ein geschmackvolles Foyer, von dem eine breite Treppe nach oben zu den Zimmern führte. Rechts ging es zu einem Saal, der als Frühstücksraum diente und nach links zu weiteren Zimmern ab. Am Ende des linken Flurs war ein Saal, der abends zum Gastraum wurde. Hinter einem Rezeptionstresen lächelt sie eine junge Frau an.
„Oh! Charlotte. Ich wusste gar nicht, dass du hier arbeitest“, sagte Papa, als er die Frau sah.
„Du weißt so manches nicht, mein Lieber. Für einen Polizisten gar nicht gut, sag ich dir.“ Melanie hätte nicht gedacht, dass sie Papa mal erröten sehen würde.
„Übrigens schick die Uniform. Hast mir gar nichts von deinem Beruf erzählt – damals am Enddorn. Hätte ich mich gleich viel sicherer gefühlt auf unserem langen Rückweg“, schickte sie hinterher.
Melanie gefiel das. Sie hätte gerne länger zugehört, beschloss aber, Papa aus dieser Situation zu befreien.
„Kennen Sie diesen Mann“, fragte Melanie, „Frau Charlotte Hinrichs,“ las sie von ihrem metallenen Namensschild ab.
„Ja natürlich“, antwortete sie. „Das ist Herr Reginald Thomas. Er ist mit seiner Frau Christine Thomas hier. Engländer und seit drei Tagen hier eingecheckt.“
„Ausländer“, stöhnte Melanie auf. Sie wusste es ja vorher, hier war der Wurm drin und nun fraß der sich immer weiter. Warum denn kein Ehepaar aus Dresden oder so etwas? Tötungsdelikte an Ausländern zogen einen enormen bürokratischen Rattenschwanz hinter sich her. Und die normalen Ermittlungen machte das schon aus sprachlichen Gründen nicht einfacher. Treders Englisch war grauenhaft, also würde es an ihr hängenbleiben, soweit Papa nicht auch Englisch konnte.
„Können Sie mir die Passkopien ausdrucken und mailen? Meine E-Mail-Adresse finden Sie auf der Karte“, sagte Melanie.
„Ja klar, sofort. Übrigens ist Frau Thomas auf ihrem Zimmer. Zimmer vier im zweiten Stock. Oben nach links, am Ende des Flures. Ihr Schlüssel hängt hier nicht und ich hab sie nach dem Frühstück hinaufgehen sehen.“
„Spricht die Deutsch?“, fragte Treder vorsichtig.
„Nein, soweit ich weiß nur Englisch und wohl auch Chinesisch, also Kantonesisch, meine ich. Ich habe ihn gestern Vormittag mit einem Chinesen reden oder besser streiten gehört“, antwortete Charlotte. „Was ist denn überhaupt passiert“, hakte Charlotte nach, „ist Herr Thomas der Tote vom Strand?“
„Wie kommst du darauf?“, schaltete sich Papa wieder ins Gespräch ein.
„Nun, heute Morgen, als unser Bauer Milch und Fleisch lieferte, erzählte er was von einem Toten am Strand. Wir dachten, wieder ein besoffener Angler, der über Bord gekippt ist. Kommt ja nicht so selten vor oder?“
Offensichtlich würden sich auf der Insel Geheimnisse nicht lange bewahren lassen, dachte Papa. Gleichzeitig war er froh, dass nicht Bade die undichte Stelle gewesen war. Der Kollege stammte aus Vitte und war nie einem Inselschwatz abgeneigt. Das qualifizierte ihn zweifellos zum zukünftigen Inselpolizisten, aber Papa war besorgt, dass Bade Dinge ausplauderte, die aus ermittlungstaktischen Gründen besser geheim blieben.
Soso, ein Chinese auf Hiddensee, dachte Melanie, das klingt wie meine Tante aus Chicago. Ein Engländer, ein Chinese … so fingen Witze an. Ein absurder Fall. Gleichzeitig stachelte es ihren Jagdtrieb an. Bitte, lass es kein Eifersuchtsdrama sein, hoffte sie innerlich. „Gut! Sie, Papa, machen sich mit Bade auf die Suche nach dem Chinesen. Wenn Sie herausgefunden haben, wo wir den finden, sagen Sie Bescheid. Außerdem möchte ich Sie bitten, mit den Kollegen in England Kontakt aufzunehmen. Versuchen Sie, alles über die Thomas‘ herauszubekommen. Treder und ich kümmern uns jetzt um Frau Thomas. Sie, Charlotte, will ich nachher auch nochmal sprechen. Laufen Sie nicht zu weit weg.“
„Keine Sorge, Miss“, antwortete sie mit nachgemachtem englischen Akzent. „Die Fähre fährt heute nicht. Und da haben selbst die Inseldetektive keine Probleme damit, mich wiederzufinden. Am wahrscheinlichsten finden Sie mich hier an der Rezeption und ab achtzehn Uhr hinter dem Tresen im Gastraum. Und das jeden Tag.“ Sie lächelte Melanie ironisch an. „Ach noch was, ich kann zeichnen. Wenn Sie wollen, mache ich Ihnen eine Skizze vom Chinesen. Die kann der Starsky hier dann gleich mitnehmen.“
„Eine sehr gute Idee. Vielen Dank. Wirklich jetzt“, antwortete Melanie.
Auf dem Weg nach oben hörte sie, wie Papa frotzelte: „Ich bin Hutch, Charlotte, Hutch verstehst du!?“
Treder klopfte an die Tür von Zimmer vier. Ihnen öffnete eine hagere, große Frau in den Vierzigern. Ihre Haut war keltisch weiß, fast durchsichtig. Die pechschwarzen Haare unterstrichen ihren Hautton zusätzlich. In den, fast mandelförmigen Augen, leuchtete eine grüne Iris. Wow, dachte Melanie, diese Schönheit ist ja direkt dem Herr der Ringe entsprungen. Sie war lediglich in einen weißen Hotel-Bademantel gekleidet.
„Oops“, entfuhr es ihr. Offensichtlich hatte sie jemand anderen erwartet.
„Sind Sie Frau Thomas“, fragte Melanie auf Englisch. „Wir sind von der deutschen Kriminalpolizei. Das ist mein Kollege Treder und mein Name ist Frau Veit. Können wir hereinkommen?“
„Sicher, kommen Sie herein. Was ist denn los? Ist was passiert? Ist was mit Reginald? Nun antworten Sie doch!“, redete die Engländerin zunehmend hysterischer auf die beiden ein.
„Bitte setzen Sie sich, Frau Thomas. Ist dies ihr Mann?“, fragte Melanie und zeigte ihr das Foto.
„Oh mein Gott, ja“, rief sie aus, „ist er tot?“
„Wanderer fanden ihn heute Nacht tot, nicht weit von hier, oben am Ostseestrand. Mein aufrichtiges Beileid. Kann ich Ihnen ein paar Fragen stellen? Fühlen Sie sich in der Lage, die mir jetzt zu antworten?“

Hiddenseer Beer

Die Frau schien sie nicht mehr wahrzunehmen. Sie ging an die Minibar, nahm ein Fläschchen Becherovka heraus und kippte den Inhalt ohne sichtbare Reaktion hinunter. Dann griff sie zum Campari. Melanie musste eingreifen. Eine sturzbetrunkene Zeugin konnte sie jetzt nicht gebrauchen. Und sie musste sich eingestehen, dass Frau Thomas für sie nicht nur als Zeuge lief. Die Täter und ja, auch Täterinnen, fanden sich meist im engsten Familienumfeld. Nach Habgier rangierte Eifersucht auf Platz zwei der mörderischen Charts. Nichts, was Ehefrauen per se ausschließt. Aussagen von Betrunkenen waren nichts wert. Also nahm Melanie ihr den Campari aus der Hand und stellte das Fläschchen zurück in die Minibar, während Treder sie sanft auf den Stuhl drückte. Sie setzten sich ihr gegenüber auf das Bett. Er zückte Diktafon und Notizblock. Auch wenn er ungern und schlecht Englisch sprach, so verstand er doch eine ganze Menge. Was er nicht verstand, würde er sich später vom Band transkribieren.
„Frau Thomas, haben Sie ihren Mann nicht vermisst?“, fragte Melanie.
„Nein“, antwortete sie. „Wir waren gestern Abend in Kloster in einer Kneipe. Es ging hoch her und Reginald hatte wohl sehr viel Spaß. Mir ging das auf die Nerven. Außerdem war die Kneipe total verqualmt. Ich wollte nach Hause, Reg nicht, und da haben wir uns eben ein bisschen gestritten. Reg kann kein Ende finden bei solchen Sachen … ich meine, konnte kein Ende finden.“ Sie verstummte wieder und ließ den Film von gestern vor ihrem inneren Auge ablaufen. „Dann bin ich alleine los. Ich weiß nicht, wann. Ich glaube, es war das letzte Pferdefuhrwerk gestern. Irgendjemand sagte das. Es war bis auf den letzten Platz besetzt. Ich hatte ziemlich viel Alkohol getrunken und bin sofort ins Bett. Heute Morgen habe ich gemerkt, dass Reg über Nacht nicht hier gewesen ist, und nahm an, dass er in Kloster bei seinen Saufbrüdern übernachtet hätte.“ Wieder hielt sie eine Weile inne. „Was soll ich denn jetzt machen?“, fragte sie an Melanie gewandt. Offensichtlich dämmerte ihr allmählich die ganze Konsequenz der traurigen Neuigkeit. Ihr Leben würde von nun an in ganz anderen Bahnen als geplant verlaufen. Melanie kannte Beispiele, in denen Angehörige von Opfern überhaupt nicht mehr in irgendwelche Bahnen zurückfanden. Meistens Männer, die sich in solchen Situationen oftmals erstaunlich lebensuntüchtig erwiesen.
„Ich bin dann nach dem Frühstück gleich wieder ins Bett. Ich habe einen furchtbaren Kater.“
Ganz konnte Melanie sie noch nicht aus den Fingern lassen. „Ein Zeuge erzählte uns, dass er gesehen hat, wie Ihr Mann mit einem Chinesen stritt.“
Sie antwortete sofort: „Wir kennen hier keine Chinesen – davon weiß ich nichts. Was soll das überhaupt – Chinesen auf Hiddensee?“
„Wie hieß die Kneipe in Kloster?“, fragte Melanie weiter.
„Die hieß irgendwas mit Onkel, den Rest habe ich vergessen.“
„Was ist der Grund für Ihren Aufenthalt auf dieser abgelegenen Insel … noch dazu im Februar?“
„Tja … warum wir nach Hiddensee gekommen sind? Wir wollten mal was Anderes sehen. Dies scheint eine der wenigen Inseln zu sein, wo man nicht ständig über Engländer stolpert. Freunde aus England gaben uns den Tipp, hier mal herzukommen.“
„Gut, wir lassen Sie gleich in Ruhe. Wir haben ihren Mann nach Rostock in die Rechtsmedizin gebracht. Dort werden Sie ihn noch mal identifizieren müssen. Im Moment sollten Sie hierbleiben. Können Sie mir den Namen des Zahnarztes ihres Mannes zu Hause in England geben?“
„Ja, natürlich, ich schreibe Ihnen Namen und Telefonnummer auf.“
„Wir sind fürs Erste fertig. Wenn wir noch weitere Fragen haben, wissen wir ja, wo wir Sie finden,“ sagte Melanie mit einem belehrenden Unterton. Etwas versöhnlicher fuhr sie fort: „Wenn Sie irgendwelche Hilfe brauchen, psychologische Betreuung oder so, lassen Sie mich das bitte umgehend wissen.“
Insgeheim bezweifelte sie, dass sie eine englischsprachige psychologische Betreuung organisieren könnte. Egal, der Wille zählte. Vorerst.
„Was hältst du von der Frau?“, fragte Melanie Treder.
„Na ja, ich habe nicht alles verstanden und so. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie uns nicht alles gesagt hat. Das mit dem Chinesen nehme ich ihr nicht ab. Das kam zu schnell und war mir zu überspezifisch. Andererseits, ihr Entsetzen über die Nachricht kam mir echt vor“, sagte Treder.
„Wir werden sehen“, meinte Melanie, „im Moment ist sie, in Ermangelung weiterer Verdächtiger, meine zweite Hauptverdächtige neben dem ominösen Chinesen. Ich muss noch mal mit der liebreizenden Charlotte reden. Ich möchte dich bitten, im Godewind zwei Zimmer für uns zu arrangieren und unsere Sachen dahin zu bringen. Danach treffen wir uns in der Station.“
Charlotte holte eine Mitarbeiterin an die Rezeption und führte Melanie in den noch leeren Gastraum. Melanie sah sich um. Wie schon das Foyer, war auch der Gastraum geschmackvoll eingerichtet, nicht überladen mit Inselkitsch. Es hingen keine Fischernetze mit getrockneten Seesternen von der Decke und es gab auch keine Kapitänsbilder. Stattdessen hingen an den Wänden alte, aufwendig gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien. Melanie besah sich die Aufnahmen genauer. Der Fotograf hieß ebenfalls Hinrichs, wenn sie das Sütterlin richtig entzifferte. Wahrscheinlich ein Verwandter. Die Bilder waren um die hundert Jahre alt und zeigten überwiegend asiatische Motive. Auf vielen waren immer die gleichen Asiaten und Europäer, wenn auch unterschiedlichen Alters, vor wechselnden Hintergründen, Gruppe vor Pagode, vor Wasserfall, unter Bambus, auf einer Mole vor Dschunken mit Drachensegeln und so weiter. „Die Bilder sind von meinem Ur-Urgroßvater Hans Hinrichs, der diese Pension gegründet hat, als er aus seinem Kolonialdienst zurückkehrte“, beantwortete Charlotte die fragenden Blicke Melanies.
„Frau Thomas erwähnte eine Kneipe in Kloster mit Onkel im Namen. Haben Sie eine Ahnung, wie die vollständig heißen könnte?“, fragte Melanie.
„Da fällt mir nur Onkel Hendrick am Kirchweg ein.“
Onkel Hendrick, dachte Melanie, Nomen ist Omen. „Okay, die werden wir finden, denke ich. Eine andere Sache beschäftigt mich. Vorhin sagten Sie, dass der Chinese und Thomas miteinander nicht auf Chinesisch, sondern auf Kantonesisch stritten. Können Sie mir den Unterschied erklären?“
„Nun, es gibt in China unendlich viele Dialekte beziehungsweise Sprachen. Der bekannteste ist das Hochchinesisch oder Mandarin, wie man hier sagt. Das ist außerdem Amtssprache in der Volksrepublik, in Taiwan und in Singapur. Im Süden und vor allem in Hong Kong spricht man Kantonesisch. Das klingt völlig anders als Mandarin. Das Schöne ist jedoch, dass Sie sich schriftlich immer noch mit einem Hong Konger verständigen können. Vorausgesetzt natürlich, Sie können traditionelles Chinesisch schreiben. In Taiwan schreibt man wie in Hong Kong ebenfalls traditionell, aber spricht Hochchinesisch. Im Mainland und Singapur wiederum, lernt man Mandarin oder besser Putonghua und schreibt vereinfachtes Chinesisch. Mandarin ist eigentlich nur die Bezeichnung für einen Beijinger Dialekt, auf dem jedoch Putonghua basiert …“
„Moment!“, unterbrach Melanie Charlottes Redeschwall. „So genau wollte ich das gar nicht wissen. Sie meinen also, der Chinese stammt aus Südchina?“
„Ja, beziehungsweise genauer aus Hong Kong. Da sind übrigens auch die Thomas‘ geboren, wie man ihrem Reisepass entnehmen kann.“
Melanie unterdrückte, sich an den Kopf zu fassen. Wie peinlich! Diese Kleinigkeit war ihr völlig entgangen. „Wir kennen hier keine Chinesen,“ hatte Christine Thomas gesagt. Klar, in ihrer Heimat kannte sie dagegen sicher viele. Umso auffälliger erschien Melanie vor diesem Hintergrund die Nervosität der Frau bei ihrem Dementi. Wenn Melanie Hong Kong und Mord in ihrem Gehirn zusammentat, kamen ihr alle Klischees auf einmal in den Sinn. Triadenkrieg verlagert sich nach Hiddensee, sah sie die Ostseezeitung titeln. Na gut, wahrscheinlicher war ein Nebenbuhler, geldgierige Verwandte oder was in den banalen Mörderkreisen sonst üblich war.

Boat and Horse in the Salt Meadow

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