Kapitel 23 – Showdown

Melanie Veit, Hiddensee, 7. Februar

Melanie hatte es plötzlich eilig. Sie hatte am Anleger die Situation mit Li CiWen und Christine Thomas mitbekommen. Sie war sich sicher, dass das ganze Geplänkel an dem Pier und dann mit der Thomas dazu dienen sollte, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu erlangen. Melanie nahm ebenfalls die beiden militärisch aussehenden Männer wahr, die die Fähre verlassen hatten. Darum würde sie sich später kümmern müssen. Zuerst musste sie ein paar dringende Anrufe machen.
Zuerst rief sie Papa an und bat ihn, so früh wie es die Situation zuließ, mit Bade in die Station zu kommen. Dann wählte sie die Nummer von Marie-Ann Chittenden. Trotz Wochenendes hatte sie sofort in der Leitung. Melanie fragte nach den Familienverhältnissen von Christine Thomas. Dann informierte sie sie über die neusten Ereignisse. Marie-Ann bedankte sich für die Kopie des Amtshilfeersuchens an die internationalen Institute bezüglich der Tatwaffe. Die Rechtsmedizin in Rostock hatte dies auf ihr Anraten nach Maidstone gesendet. So waren auch die Kenter über dieses makabre Kuriosum im Bilde. Marie-Ann versprach, noch vor dem Feierabend zurückzurufen. Sie hatte aufgelegt, da kam Treder herein. Er ging zu seinem Platz und erledigte die Formalitäten der Überführung von Reesch nach Rostock.
Melanie musste noch mal die Staatsanwältin aus ihrem Wochenende holen. Sie brauchte einen Haftbefehl und einen nachträglichen Durchsuchungsbeschluss für das Zimmer der Thomas‘. Die beiden Schriftstücke würden gleich durch das Fax kommen. Die Staatsanwältin hatte ebenfalls Nachrichten für Melanie. Der inhaftierte Cheung blieb vorerst in Gewahrsam. Die chinesische Botschaft hatte den Pass für gefälscht erklärt. Melanie war verblüfft. Wenn dieser Pass wirklich gefälscht war, dann war er das Professionellste, was Passfälscher je zustande gebracht hatten. Sie hatte selbst die unzähligen Einreisestempel und Visa gesehen. Unmöglich, dass man damit durch so viele Kontrollen beanstandungslos hindurchglitt. Eine weitere Merkwürdigkeit, aber dafür war jetzt keine Zeit.

Melanie lehnte sich zurück und durchdachte den ganzen Fall nochmals in aller Ruhe. Der erste Mord war geplant und hatte vermutlich einen gewissen Vorlauf an Vorbereitungen. Für Melanie war immer noch Cheung der Mörder. Irgendjemand, der ebenfalls ihrer Meinung war, zog hinter den Kulissen Fäden und verschaffte ihr die Zeit, die notwendig war, um die nötigen Beweise zu finden. Der zweite Mord war anders. Der Tatort bewies, dass es kurz vor der Tat zu einer Rangelei gekommen sein musste. Alles wirkte viel spontaner. Wahrscheinlich musste Reesch sterben, weil er zu dem ersten Mord was zu sagen wusste. „Ich werde das Problem lösen“, hatte er zu seiner Frau gesagt. Das ging gründlich schief. Sie war sich sicher, dass es zwei Mörder gab. Beide standen auf der gleichen Seite. Wer auf der anderen stand und was letztlich die Motive waren, konnte sie nur ahnen. Sie war auf die Aussagen von Christine Thomas gespannt.

Sie hing gerade ihren Gedanken nach, da klappte die Tür zur Station. Ein Spurensicherer kam herein und brachte ihr eine Kiste alter Fotos. Er hatte die Bilder in einem Versteck in Arnim Reeschs Schankraum gefunden. Melanie schaute sich ein Bild nach dem anderen an. Bei der ersten Durchsicht konnte sie nichts Auffälliges entdecken. Die Bilder zeigten eine Party, vermutlich nach dem Krieg, in einem Stall. Trotz des damaligen Mangels sah die Tafel gut gedeckt aus. Paare tanzten im Vordergrund und Männer saßen an Tischen und tranken Bier. Auf einem Fuhrwerk vor der Scheune stand „Reeschs Gasthaus“. Eine ganz ordinäre Dorfparty – dachte Melanie. Dann sah sie im Hintergrund einen Gegenstand. Sie schwenkte die Tischlupenleuchte über das Foto und erkannte das Ding. Sie hatte es in den Unterlagen aus Kent schon einmal gesehen. Sie holte den Akt auf den Bildschirm und verglich beide Abbildungen miteinander. Kein Zweifel. Diese Dinger, im Akt Boshanlu genannt, waren identisch. Eine Delle, die irgendwann mal unabsichtlich dem Stück zugefügt worden sein musste, verriet es. Melanie schluckte, als sie den Auktionspreis sah: 45.000 Pfund!
Nicht schlecht, es wurde schon für weniger gemordet. Doch der Bericht von Marie-Ann verwirrte sie. Das Boshanlu war nachweislich schon seit langer Zeit im Besitz des Veräußerers. Arnim Reesch war noch nicht geboren, als es nach England wanderte. Sie konnte nur raten, wie es dahin gelangt war. Irgendwie war das Gefäß in die Hände der Reeschs gelangt. Ob redlich oder nicht, sei mal dahingestellt. Nach dem Krieg hatte es seinen Weg auf den schwarzen Markt gefunden. Wie das Bild vermuten ließ, war es nicht das einzige Stück, das die alten Reeschs verhökerten. Mit Lebensmittelmarken konnte man keinen Tisch so üppig decken. Wahrscheinlich kannte Arnim Reesch die Quelle der Gegenstände und überlegte, ob da mehr zu holen sei. Vielleicht wollte er aus seinem Kneiperdasein entfliehen? Dass er ausgerechnet den Triaden sein Wissen verkaufen wollte, war reines Pech.

Melanies Blut wurde von Adrenalin überschwemmt. Ihr Hirn setzte zum Höhenflug an. Sie spekulierte weiter. Arnim Reesch hatte Reginald Thomas kontaktiert. Und der, und hier begab sie sich auf dünnes Eis, wollte das Geschäft alleine machen, ohne die Triaden. Das war ihm nicht gelungen. Die hetzten ihm Cheung hinterher und der exekutierte den Willen der Drei Harmonien.

Die Tür klapperte wieder. Diesmal kamen Bade, Papa und die Spurensicherer aus der Pension Hinrichs herein. Alle grinsten breit. Sie kamen zu Melanie und offenbarten ihr den Inhalt eines schwarzen Samtsäckchens. Jetzt grinste auch Melanie. Sie hatten endlich das Tatwerkzeug. Und das Grinsen wurde breiter, als der Kollege erwähnte, dass er sich sicher sei, Spuren festgestellt zu haben. Die Leute bauten ihr mobiles Labor in einem extra dafür vorgesehenen Raum auf. Nach einer Weile hob der Techniker den Daumen.

„Ich habe ein langes schwarzes Haar in dem Säckchen gefunden, das muss zur Genanalyse. Hier geht das nicht. Nur soviel, das Haar hat einen runden Querschnitt. Das weist auf einen asiatischen Typus hin und die Länge auf eine Frau. Außerdem fanden wir Fingerabdrücke. Das Tatwerkzeug wurde äußerlich gründlich gereinigt. Allerdings hat man die Druckluftpatrone im Innern und die Patronenkammer selbst vergessen. In der Kammer sind ein paar unvollständige Abdrücke. Dafür haben wir auf der Druckluftpatrone einen bilderbuchmäßigen Daumenabdruck. Wir werden den ins System übertragen und dann müssen wir ein Weilchen warten.“
Vor der verabredeten Zeit rief Marie-Ann an. Melanie hörte sich den Bericht der Polizistin aufmerksam an.
„So weit“, sagte Marie-Ann Chittenden. „Ich sende Dir die Informationen jetzt per E-Mail. Ich hoffe, es reicht, um den Sack zuzumachen. Alles Gute und vielleicht sieht man sich ja mal auf dieser Insel.“

Melanie war zufrieden. Sie hatte alles, was sie für das Verhör mit Christine Thomas brauchte.
Treder und Melanie gingen in einen Raum, der provisorisch für Befragungen eingerichtet war. Papa brachte Christine Thomas herein und stellte sich dann an die Tür. Auf dem Tisch stand ein Zoom H4 mit zwei Mikrofonen und eine Videokamera zeichnete das zugehörige Bild auf.

„Guten Tag, Frau Thomas. Sie wissen sicher, warum Sie hier sind. Ich möchte Ihnen vor der ganzen Prozedur die Gelegenheit geben, sich mit einem Geständnis zu erleichtern. Jeder Richter in diesem Land würde das wohlwollend berücksichtigen.“
„Sind Sie völlig verrückt geworden? Ihr Deutschen könnt immer nur Gestapo. Ich habe Rechte, auch in diesem Scheißland. Ohne Anwalt werde ich nichts sagen. Sie dürfen mich gar nicht ohne Anwalt verhören und grundlos beschuldigen, schon mal gar nicht.“
„Da haben Sie völlig recht, geben Sie mir bitte die Nummer ihres Anwalts. Bei Bedarf stellen wir Ihnen einen. Der ist dann vermutlich sogar früher hier. Aber um das zu klären, ich mache hier kein Verhör. Ich biete Ihnen lediglich eine Chance. Wenn Sie die nicht ergreifen wollen, dann erzähle ich Ihnen eine Geschichte.“
„Machen Sie doch, was Sie wollen. Ohne Anwalt sag ich nichts.“
Gleichzeitig schob Sie einen Zettel mit einer Nummer über den Tisch. Melanie gab den an Papa weiter. Der tauschte seinen Platz mit Bade. Papa telefonierte nur kurz.
„Ihr Anwaltsbüro hat die hiesige Vertretung kontaktiert. In ein paar Stunden wird jemand hier sein“, sagte Papa in sauberem Englisch an Christine Thomas gewandt.
„Na gut“, sagte Melanie, „dann erzähle ich Ihnen jetzt eine aufregende Geschichte. 1959 hatte der irische Kaufmann Ian McCulloch und eine Triadenprinzessin in der Kronkolonie ein Techtelmechtel. Nicht weiter schlimm, aber die Liaison blieb nicht ganz ohne Folgen. Im Jahre 1960 wurde Sing Yee geboren. Der Vater der Prinzessin war außer sich und der Ire verschwand für immer von der Bühne. Wenn Sie mich fragen, liegt er in irgendeinem Fundament von Hongkongs Skyline. Aber das ist eine andere Geschichte. Vorher ließ der Vater von Sing Yee in der britischen Geburtsurkunde den Namen Christine McCulloch eintragen. Mit britischem Namen und den grünen Augen standen einem in der Kolonie deutlich mehr Türen offen. Als Sing Yee erwachsen wurde, erinnerte an ihre chinesischen Vorfahren nur ihr lackschwarzes Haar. Die Gene des glücklosen Iren waren sehr dominant. Ihr Großvater, erzog seine Enkelin ganz im Sinne der Drei Harmonien und baute sie als seine Stellvertreterin im Schatten auf“.
Bei diesen Worten schob Melanie ein Foto des Gangsterbosses, der gerade eine Tempelglocke anschlägt, über den Tisch.
„Das Bild wurde vor kurzem auf Lamma bei einem Triadentreffen aufgenommen“, erklärte Melanie.
Christine Thomas, die sich bislang gelangweilt gegeben hatte, starrte gebannt auf das Foto.
„Na ja, wie Großvater vorausgesehen hatte, machte Sing Yee Karriere im Gouvernement und ging eine Zweckehe mit einem fleißigen Zuarbeiter der Triaden ein. Aus Christine McCulloch wurde Christine Thomas. Leider, und wie vom Großvater schon lange vorausgeahnt, war ihr Ehemann Reginald Thomas, nicht so loyal gegenüber seinen Brötchengebern, wie man das von ihm erwartete. Nach der Ersteigerung eines Boshanlus erfuhr er von einem Deutschen, dass da, wo das Ding herkam, vielleicht noch mehr zu holen sei. Also fuhr Reginald zu diesem Deutschen und seine Frau kam mit. Nachdem diese die Verbindungen kannte, war Reginald Thomas entbehrlich. Wai Hen Cheung war ihr Mann fürs Grobe. Er ermordete ihn und verließ nach getaner Arbeit die Insel. Herr Cheung war jedoch so liebenswürdig uns einen Daumenabdruck zu hinterlassen. Die Kollegen in Rostock haben sich sehr gefreut, als wir ihnen das vorhin mitteilten.“

Melanie legte das Tatwerkzeug auf den Tisch. Die Thomas starrte Melanie an.
„Ja und – was hat das mit mir zu tun? Sie haben ihren Mörder. Kann ich jetzt gehen?“, fragte sie.
„Nein“, sagte Melanie, „können Sie nicht. Wir haben dieses Ding in ihrem Hotelzimmer gefunden. Das Haar einer Frau lag auch dabei. Vermutlich Ihres, das wird uns die Genanalyse bestätigen. Wahrscheinlich werden wir sogar noch mehr genetisch verwertbares Material finden. Kennen Sie die Waffe?“

Die Frau antwortete nicht, aber Melanie konnte ihre ehrliche Verwirrung und den ersten Anflug von Panik sehen.
Melanie fuhr fort: „Müssten sie eigentlich kennen. Sing Yee aka Christine Thomas hat in Hongkong eine Stiftung. Übrigens kümmert sich genau in diesem Moment die dortige Polizei um dieses Konstrukt. Nach außen diente die Stiftung dazu, Menschen aus benachteiligten sozialen Milieus, eine höhere Bildung zu finanzieren. In Wirklichkeit ist es eine Rekrutierungseinrichtung der Triaden und gleichzeitig eine Geldwaschanlage. Aber das nur am Rande. Auf diesem Bild sehen Sie Sing Yee, wie sie gerade ihren Schützlingen die Bachelorurkunden überreicht. Der Student da ganz rechts ist Yiwei Zhang. Der hat sein Praktikum am Pacific Cnidaria Research Lab auf Hawaii gemacht. Seine Aufgabe war die Herstellung eines Mechanismus, der die physikalischen Umstände eines Würfelquallenangriffs nachbildet. Zwei von diesen Dingern wurden gebaut. Eines verschwand auf wundersame Weise. Wenn Sie mich fragen, dann war es ein Geschenk des Studenten an seine Gönnerin. Wir sind alle gespannt, wann der junge Mann im Verhör einknickt und uns die Geschichte bestätigen wird.“

Christine Thomas, starrte Melanie hasserfüllt an, die wusste, dass sie gewonnen hatte.
„Sie haben ja gesehen, mit was für einem Aufgebot an Spurensicherern wir heute zum Tatort kamen. Cheung hatte mit seinem Opfer nicht viel Federlesen gemacht. Ganz der Profi eben. Doch der Mord in der letzten Nacht war weniger professionell. Arnim Reesch hat sich noch ein bisschen gewehrt. Wir haben den Tatort akribisch nach noch so unscheinbaren Spuren abgesucht. Glauben Sie mir, wir werden Ihnen den Mord an Arnim Reesch zweifelsfrei nachweisen. Das Schönste habe ich mir aber bis zum Schluss aufgehoben. Die Pension Hinrichs hat am Giebel eine Webcam. Auf dem Videomaterial sieht man Sie um 4:44 Uhr Richtung Neuendorf gehen und eine halbe Stunde später wieder zurückkommen.“

Der Hass brach sich Bahn: „Du verdammte Hure, Bulle, Bastard, Scheißdeutsche, Nazischlampe ….“ Dann wechselte sie ins Kantonesische und wurde dabei noch lauter. Sie versuchte aufzustehen, aber Papa war sofort zur Stelle, drückte sie auf den Stuhl und legte ihr Handschellen an. Nach gefühlt unendlich langen Minuten war sie endlich still. Sie fixierte noch immer Melanie mit ihren grünen Augen. Der unbändige Hass war nicht aus ihrem Blick gewichen. Bade hatte vom Lärm angelockt die Tür geöffnet. Er und die Spurensicherer schauten dem Schauspiel gebannt zu.
Alter Schwede, dachte Melanie, so stell ich mir eine druidischen Hexe auf Droge vor. Das war ja richtig unheimlich. Die hat auf jeden Fall ‘nen Knall.

Plötzlich fing Sing Yee an, in verschwurbeltem Englisch einen Satz zu zitieren: „I must not cause harm or bring trouble to my sworn brothers or Incense Master. If l do so I will be killed by a myriad of swords.“
Als wenn sie damit Melanies Einschätzung ihrer psychischen Verfassung bestätigen wollte. Die Mörderin grinste sie höhnisch an. Da begriff Melanie.

„Giftkapsel!“, rief Melanie laut.
Papa reagierte sofort. Er riss der Frau den Kopf in den Nacken und versuchte, ihren Mund zu öffnen. Melanie rannte um den Tisch herum und hielt sie fest. Treder stand mit offenem Mund noch immer auf der anderen Seite des Tisches, bis bei ihm die Erkenntnis endlich zündete. Doch jegliches Bemühen kam zu spät. Die Frau sackte mit Schaum vorm Mund zusammen. Bade hatte sich berappelt und rief umgehend die Nummer des Inseldocs. Doch insgeheim war allen Anwesenden klar, dass hier jede Hilfe zu spät kommen würde.

Epilog

Drei Leichen in vier Tagen war für Hiddensee ein makabrer Rekord. Hoteliers, Restaurantbesitzer und die örtliche Politprominenz wurden unruhig und gaben sich bei Papa und Bade die Klinke in die Hand. Papa zählte die Tage bis zum Ende seiner Vertretung. Aus der ruhigen Kugel, die er auf dem Eiland schieben wollte, war nichts geworden und er gab sich angesichts der Beschwerdeführer keinen Hoffnungen hin, dass sich das sobald ändern würde. Seine knappe Freizeit versuchte Papa mit Charlotte zu verbringen. Er und Charlotte wussten nicht, wohin das führen würde. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, wohin Papa als Nächstes versetzt werden würde. Sie beschlossen, darauf keine Gedanken zu verschwenden und das Ereignis auf sich zukommen zu lassen.

Li CiWen und Maren hatten beschlossen, gemeinsam einen neuen Lebensabschnitt auf zwei Kontinenten zu beginnen. Sie genossen die gute Luft der Insel. Jeden Tag spannen sie neue Pläne für ihre Zukunft. Wenn Maren im Restaurant arbeitete, vergrub sich Li in das Archiv der Hinrichs. Dabei entdeckte er die Feldkamera, mit der Hans im chinesischen Siheyuan allem und jedem auf die Nerven ging. Meyerfeld würde ihm die passenden Filme und die richtige Chemie mitbringen. Und nebenbei schaute die Familie, ob nicht doch jemand die falschen richtigen Schlüsse aus den Ereignissen zog. Die Gefahr für die Drei Siegel war nicht auf ewig abgewendet. Sie hatten eine Verschnaufpause bekommen.

Melanie blieb ebenfalls weitere Tage auf der Insel. Nicht ganz freiwillig. Die Innenrevision hatte eine Untersuchung des Todes von Christine Thomas angestrengt. Das war reine Routine, beruhigte sie sich. Meyerfeld ließ durchblicken, dass man im Ministerium Racheakte der Hongkonger fürchtete. Sie wollten Melanie aus der Schusslinie nehmen. Die Insel war dazu bestens geeignet. Die beiden Briten blieben beständig in ihrer Nähe. Sie würde sich bei Marie-Ann bei Gelegenheit dafür bedanken. Mit etwas Glück würde sie bald Urlaub bekommen. Maidstone in Kent erschien ihr ein lohnendes Reiseziel. Sie hatte den Fall aufgeklärt und darauf war sie stolz, doch an ihr nagten die losen Enden und offene Fragen. Es war unzweifelhaft, dass hier weitere Parteien ihre Finger im Spiel hatten. Irgendwann würde sie dem nachgehen, nahm sie sich fest vor.

Nach ein paar Tagen verließ sie die Insel mit der Schaproder Fähre. Treder würde sie drüben abholen und nach Stralsund fahren. Sie wartete am Anleger. Es waren nicht viele Menschen an Bord. Ein paar Bauern und ein paar Touristen, die in neonfarbene Supertextilien eingeschrumpft waren. Etwas abseits stand ein Mann unbestimmten Alters mit dunklen Haaren und einem gesunden Teint. Er war elegant gekleidet. Dunkler Mantel, dunkler Schal und ein dunkler Hut. Am auffälligsten war der aus der Zeit gefallene Gehstock mit einem silbernen Drachenkopf als Knauf. Sie ging auf die Fähre. Den seltsamen Mann verlor sie am Wiesenweg aus dem Blick.

Ende

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